Gustav Doré


Teil I: Joseph begegnet seinen Brüdern

1. Was hätten wir den Brüdern gesagt und getan?
2. „Er verstellte sich und redete hart mit ihnen“

Teil II: Die Brüder begegnen ihrer Schuld

3. Blutschuld: Im Angesicht des Todes
4. Erst „aufrichtig“, dann aber einsichtig

Teil III: Josephs Liebe und Motivation

5. Keine Vergebung ohne Schuldbekenntnis
6. Kein Schuldbekenntnis ohne Züchtigung


Die Härte des Joseph: Gottes Härte leitet uns zur Buße

Hier die vierte von fünf Predigten über die Geschichte von Joseph:

1. Verkauft (und gefangen) wie Jesus
2. Juda beging Ehebruch, Joseph blieb treu
3. Der Geist und die Weisheit Gottes in Joseph
4. Die Härte des Joseph gegenüber seinen Brüdern
5. Versöhnung und Rettung des Volkes Israel

Im letzten Jahr haben wir die ersten drei Predigten gehört. Zur Erinnerung noch einmal die wesentlichen Punkte daraus:

  • Ohne Ursache/Sünde verkaufen die Brüder den Joseph nach Ägypten und belügen ihren Vater Jakob, Joseph sei von einem Tier getötet worden.
  • In Ägypten bleibt Joseph seinem Gott treu und geht unschuldig ins Gefängnis, in Kanaan hingegen treibt Juda mit seiner Schwiegertochter Tamar Unzucht.
  • Gott selbst hat Joseph nach Ägypten gebracht, hat ihn durch Leiden zum Dienst vorbereitet, ihm Weisheit gegeben und ihn schließlich dort zum Herrscher eingesetzt.

Lesen wir den Text: 1. Mose 41:46-49.53-57; 42:1-24

Teil I: Joseph begegnet seinen Brüdern

Stellen wir uns die Situation einmal vor, versetzen wir uns in die Lage von Joseph. Wie war es wohl für Joseph, der etwa 20 Jahre zuvor von seinen Brüdern erst getötet werden sollte und dann nach Ägypten verkauft wurde? In Vers 21 lesen wir, Joseph hatte damals „Seelenangst“ und flehte seine Brüder um Erbarmen an, aber sie hörten nicht auf ihn sondern verkauften ihn stattdessen. In Psalm 105 lesen wir, als Sklave kamen seine Füße in einen Stock und sein Hals in Eisen. In Ägypten musste er für einige Jahre ins Gefängnis und nun begegnet er den Brüdern, die ihm das angetan hatten und dafür verantwortlich waren. Da stellt sich doch beim Lesen zuallererst Frage: Was hätten wir wohl getan?

„Jetzt ist der Tag, auf den ich so lange gewartet habe“, hätten vielleicht einige gesagt. Schließlich hatte Joseph sogar diesen Traum in dem Gott ihm offenbarte, seine Brüder würden sich vor ihm verbeugen. Und nun ist es soweit. Ist jetzt nicht die Zeit, um endlich für Gerechtigkeit zu sorgen? „Habe ich nicht ein Recht auf Rache?“, denken manche vielleicht.

Der Christ wird nicht ganz so schlimm reden, aber vielleicht trotzdem zum Angriff übergehen und die Brüder mit ihrer Vergangenheit direkt konfrontieren und sie zur Rede stellen. Es kommt zum Streitgespräch, es eskaliert, von Versöhnung ist man im Ergebnis weit entfernt. Alte Wunden werden aufgerissen, im Wortgefecht kommen neue hinzu. Und so wird alles nur noch schlimmer als vorher. Hätte man besser erst gar nicht mit dem Thema angefangen...

„Besser erst gar nicht anfangen“ – was haltet Ihr davon? In Konflikten gibt es, auch unter Christen, zwei ganz typische Verhaltensweisen: die eine ist Angriff, die andere – nicht besser – ist Flucht. Die eine wäre ein Streitgespräch bis zur Eskalation, die andere ein halbherziges „Schwamm-drüber“ oder „der-Klügere-gibt-nach“, „reden-wir-nicht-darüber“. Welcher Typ Mensch bist Du, wie verhältst Du dich im Konflikt? Und wie handelt Gott mit uns?

Joseph aber „verstellte sich und redete hart mit ihnen.“ (Vers 7)

Joseph fängt nicht an zu diskutieren oder zu streiten, und er geht auch nicht beleidigt fort und schickt die Brüder mit oder sogar ohne Nahrung wieder zurück nach Kanaan. Stattdessen verstellt er sich und redet hart mit ihnen. Und dann hört er zu, wie sie reagieren. Er prüft ihren Charakter, wie sie antworten, wie sie sich verhalten, was sie untereinander reden. Zur Prüfung (Vers 15+16) schickt er sie für drei Tage unter einem Vorwand ins Gefängnis. Wenn wir nicht das Ende der Geschichte wüssten, wir würden vielleicht denken Joseph tut das Böse.

Wir kennen solche Prüfungen an anderen Stellen der Bibel. Gott prüfte Abraham als er zu ihm sprach, er solle seinen Sohn Isaak opfern. Der Glaube von Hiob wurde geprüft. Und zum Volk Israel spricht Gott in 5. Mose 8:2:

„Und du sollst an den ganzen Weg gedenken, durch den der HERR, dein Gott, dich geführt hat diese 40 Jahre lang in der Wüste, um dich zu demütigen, um dich zu prüfen, damit offenbar würde, was in deinem Herzen ist, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht.“

Joseph selbst ging auch „durch die Wüste der Sklaverei“ und wurde geprüft. Der Versuchung durch Potiphars Frau widerstand er. Und nun werden die Brüder geprüft, ob sie „wahrhaftig“ sind (Vers 16; Elberfelder: „eure Worte sollen geprüft werden, ob Wahrheit bei euch ist“). Am Ende sehen wir, die Brüder bestehen die Prüfung und sagen Joseph die Wahrheit.

Gott prüft auch uns. Halten wir seine Gebote, egal wie die Umstände sind? Auch in der Wüste? Im Gefängnis? In sklavischer Unterordnung? Oder vor Potiphars Frau?

Teil II: Die Brüder begegnen ihrer Schuld

Was genau bewirkt Josephs handeln? Vergleichen wir die Situationen „vorher“ und „nachher“. Wie treten denn die Brüder zu Beginn vor Joseph, was reden sie? „Wir sind alle Söhne eines Mannes; wir sind aufrichtig...“ (Elberfelder: „Redliche Männer sind wir...“; „Rechtschaffen“ steht in der Wort-Konkordanz – also Menschen, die das Richtige tun.) Sie betonen ihren Familienzusammenhalt und erwähnen zwar Joseph als den, der „nicht mehr ist“ (Vers 13). Dabei verschweigen sie aber und scheinen vergessen zu haben, warum er „nicht mehr ist“.

Diese scheinbar verjährte, „nebensächliche Sünde“ wird ihnen hier schnell in Erinnerung gerufen. Dass sie Joseph damals verkauft haben, wird zum zentralen Thema in ihren nächsten Tagen. Und das ist gut. Die Brüder bejammern nicht einfach oberflächlich ihre Situation, sondern gehen tiefer und versuchen zu verstehen, warum ihnen das alles geschieht. Sie befinden sich plötzlich im Gefängnis und stehen vor ihrem Todesurteil. (Verse 18+20) Sie haben Todesängste, und das eigentlich völlig zu Unrecht, denn sie sind ja eben keine Kundschafter wie ihnen vorgeworfen wird! Da fragen sie sich, ob sie nicht vielleicht doch schuldig sind, weil sie selbst schon einmal eine solche Drangsal bei einem anderen Menschen verursacht haben: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – das ist Gerechtigkeit.

„Wenn aber ein Schaden entsteht, so sollst du geben: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule.“

- 2. Mose 21:23-25; vgl. 5. Mose 19:18-21

„Wenn jemand einen Menschen erschlägt, so muss er unbedingt getötet werden. Wer aber ein Vieh erschlägt, der soll es erstatten; Leben um Leben! Bringt aber einer seinem Nächsten eine Verletzung bei, so soll man ihm das tun, was er getan hat: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn; die Verletzung, die er dem anderen zugefügt hat, soll man ihm auch zufügen. Wer also ein Vieh erschlägt, der soll es erstatten; wer aber einen Menschen erschlägt, der soll getötet werden.“

- 3. Mose 24:17-21

„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Klingt lieblos in den christlichen Ohren, oder? Hat Jesus nicht gesagt, wir sollen stattdessen auch die andere Backe hinhalten und alles ertragen? (Matthäus 5:38-40) Ist „Auge um Auge“ nicht mittlerweile zum negativen Sprichwort geworden? Zur Verurteilung der Hartherzigen? Ja, leider. Und so haben wir den Sinn für Gerechtigkeit verloren.

Als Christen sollen wir den Feind lieben und segnen, dem Bösen nicht widerstehen und selbst keine Rache üben. Nicht wir sorgen für Gerechtigkeit, sondern Gott. Das stimmt. Und doch bleibt das Gesetz Gottes vollkommen gerecht. Erst wenn wir wieder das Prinzip von Schuld und Strafe verstehen, verstehen wir auch Gottes Angebot von Gnade und Erlösung.

Josephs Brüder hatten damals noch diesen Sinn für Gerechtigkeit:

„Wahrlich, wir sind schuldig wegen unseres Bruders! Denn wir sahen die Drangsal seiner Seele, als er uns um Erbarmen anflehte; wir aber hörten nicht auf ihn. Darum ist diese Drangsal über uns gekommen!“

- 1. Mose 42:21; vgl. 44:16

„Auge um Auge, Zahn um Zahn, Drangsal um Drangsal.“ Nach dieser Formel müssten die Brüder sehr viel länger als drei Tage ins Gefängnis. Es wäre absolut gerecht gewesen, wenn Joseph sie nüchtern mit ihrer Sünde konfrontiert und nach dem Gesetz zu zehn Jahren Sklaverei verurteilt hätte. Keiner der Brüder hätte sich beschweren dürfen. So steht es im Gesetz Gottes. Aber Joseph ist barmherzig.

Teil III: Josephs Liebe und Motivation

Im Verlauf dieser Geschichte sehen wir, dass Joseph nach dem Gebot der Liebe lebt und handelt. Joseph redet zwar hart mit seinen Brüdern, aber seine Motivation dahinter ist die Liebe und der Wille zur Versöhnung. Dreimal lesen wir über Joseph, dass er weinte. Er war hart gegen seine Brüder, aber er musste sich und seine Gefühle für sie „bezwingen“ (45:1). Für den Rückweg nach der ersten Begegnung gab Joseph das Geld zurück und Verpflegung für die Reise. Bei der zweiten Begegnung bewirtet Joseph seine Brüder fürstlich und fragt nach seinem Vater, ob es ihm gut geht. Und am Ende kommt es nicht nur zu einer Versöhnung, sondern Joseph sorgt in Ägypten für seine gesamte Großfamilie durch die Hungersnot hindurch und versichert seinen Brüdern Vergebung:

„Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten.“

- 1. Mose 50:19f.

Vom Ende her verstehen wir die Geschichte. Josephs Härte diente der Versöhnung. Aber wie sollte er den Brüdern vergeben ohne zu sehen, dass sie ihre Schuld einsehen und bereuen?

Was wir hier lernen, betrifft uns ganz persönlich. Ohne Schuldbekenntnis gibt es keine Vergebung der Schuld. Und ohne Züchtigung und Härte gibt es kein Bekenntnis der Schuld. Durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde. Der Weg zur Gnade führt über die Wahrheit – ohne Abkürzung! Gott liebt uns, aber er zeigt uns unsere Sünde, damit wir sie bereuen, Buße tun, Vergebung annehmen und unser Leben ändern. Die Bibel nennt das Heiligung.

Auch unter Christen müssen wir einander um Vergebung bitten. Wir dürfen nicht gegen den Bruder sündigen und dann einfach mal davon ausgehen, dass er uns schon wieder vergibt (schließlich muss er das ja, nach der Bibel). Jesus lehrt:

„Wenn du mit deinem Widersacher zur Obrigkeit gehst, so gib dir auf dem Weg Mühe, von ihm loszukommen, damit er dich nicht vor den Richter schleppt und der Richter dich dem Gerichtsdiener übergibt und der Gerichtsdiener dich ins Gefängnis wirft. Ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du auch den letzten Groschen bezahlt hast!“

- Lukas 12:58f.

Wir sind alle auf dem Weg zur Obrigkeit. Wir werden gerichtet nach unseren Taten. Wenn du dich also erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, dann versöhne dich mit deinem Bruder. (Matthäus 5:23-26) Die Richtung ist hier entscheidend. Der Sünder muss um Vergebung bitten, nicht der Geschädigte muss zu dem Sünder und ihm Vergebung zusprechen, selbst wenn er gar keine Schuld einsieht. Falsch sind auch Formulierungen wie: „Wenn ich gegen dich gesündigt habe, dann vergib mir bitte.“ Wieso „wenn“? Entweder sehe ich die Schuld ein, dann muss ich um Vergebung bitten. Oder ich sehe bei mir keine Schuld, wie kann mir dann aber vergeben werden?

Auf dem Weg zur Versöhnung müssen wir der harten Wahrheit ins Auge sehen: Wir sind konkret schuldig geworden, und wir haben Strafe verdient. Gottes Härte zeigt uns das deutlich. Aber seine Gnade bietet uns Vergebung und Straffreiheit, wenn wir unsere Schuld einsehen und um Vergebung unserer Schuld bitten.

Zum Schluss die Frage, ob wir uns hier an Joseph ein Beispiel nehmen können. An seiner Liebe und Versöhnungsbereitschaft ganz sicher, aber auch an seiner Härte gegenüber seinen Brüdern? Sollen wir nun hart gegeneinander sein? Ich fürchte, wir müssen uns eher mit den Brüdern identifizieren. Wo sind wir schuldig geworden? Haben wir vielleicht unseren Bruder verkauft? In Worten, in Gedanken, durch böse Blicke, Ungerechtigkeit, auch durch Nichtbeachtung, mangelnde Gastfreundschaft, fehlende Werke der Nächstenliebe, durch Nichtstun und Gleichgültigkeit? Wir sehen Brüder in Not und „Sklaverei“, aber es ist uns egal?

Joseph war hart gegen seine Brüder. Gott ist manchmal hart gegen uns. Aber nicht, weil er uns Böses will, im Gegenteil: Er liebt uns. Er will uns auf den richtigen Weg bringen und uns vergeben. Verachten wir nicht die Wege Gottes, auch wenn sie manchmal hart sind.

Amen.
 

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